T E X T K O N K R E T

Übersetzungen · Lektorat · Korrektorat

Luis Alberto Urrea: Kolibris Tochter

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Während die Sonne ihren langen Weg gen Westen nahm, träumten alle Mexikaner immer noch den gleichen Traum. Sie träumten davon, Mexikaner zu sein. Ein größeres Geheimnis gab es nicht.
Nur reiche Männer, Soldaten und ein paar Indianer waren so weit von zu Hause weg gewesen, dass ihnen die schreckliche Wahrheit aufging: Mexiko war zu groß. Es hatte zu viele Farben. Es war lauter, als es sich irgendjemand hätte vorstellen können, und die Stimme des Atlantiks unterschied sich von der des Pazifiks. Die eine war schrill, gequält und fordernd. Die andere war brüllend, immer kurz davor, sich zur Raserei zu steigern. Die reichen Männer, Soldaten und Indianer waren die Einzigen, die wussten, dass der Osten ein Rausch von Grün war, die Luft schwer vom Geruch nach reifen Früchten und Blumen und toten Schweinen und Salz und Schweiß und Morast, der Westen dagegen ein Aufschrei von Purpur. Pyramiden wuchsen aus staubigen Ebenen und strotzenden Dschungeln. Schlangen, lang wie Landstraßen, schwammen ruhig neben Kanus einher. Vulkane trugen Hüte aus Schnee. Kakteenwälder wuchsen höher als Bäume. Schamanen aßen Pilze und flogen. Im Süden gingen einige Stämme noch fast nackt; ihre Frauen hatten rote Blumen im Haar und blaue Röcke und bloße hängende Brüste. Außerhalb von Mexiko City aßen Männer tacos aus lebendigen geflügelten Ameisen, die davonflogen, wenn die Männer nicht schnell genug kauten.
Was waren sie? Jeder Mexikaner war ein verdünnter Indianer, dem Milch beigemischt worden war wie dem Kaffee in Cayetanas Tasse. Nach der Eroberung durch die Spanier und der Inquisition hatten sie solche Angst vor ihrer eigenen braunen Hülle, dass sie sich das Gesicht weiß puderten, ihre Haut unter Parfüm versteckten, unter europäischer Seide und amerikanischen Sitten. Dennoch wussten die feinen Bürger der großen Städte mit all ihren Zylinderhüten und Spitzenschals, dass sie nichts besaßen, was auch nur annähernd den alten Federn des Quetzal gleichkam. Nirgendwo stand ein in Jaguarfelle gehüllter Kazike auf einem Tempel. Krinolinen, Westen, Opern, Hochämter, café au lait aus Mokkatässchen in Straßencafés. Sie versuchten, die Götter mit Pantalons aus New York zum Schweigen zu bringen und mit Unterröcken aus Paris. Doch das Wispern der vertriebenen Geister drang weiter aus Winkeln und Kellern. In Mexiko City, dem großen gefallenen Tenochtitlán, mit seinen Straßen und Häusern, die aus den Steinen der Sonnenpyramide errichtet waren, lustwandelten Herren und hielten dabei den Kopf leicht zur Seite geneigt. Sie spitzten die Ohren, als lauschten sie diesem rätselhaften Raunen der Gespenster. [...]
Mexico ...
Und überall rings um sie, in den Hainen, in den Höhlen, in den steilen Canyons des Kupferlandes, in den Sümpfen und an den Wegkreuzungen, versammelten sich die grausamen Alten. Tlaloc, der Regengott, mit verdorrten Lippen, weil die Mexikaner nicht mehr Kinder folterten, um ihn mit den süßen Strömen ihrer Tränen zu laben. Der Geschundene, Xipe Totec, vor Kälte zitternd, weil die Priester nicht mehr die Opfer lebendig häuteten und für eine gute Ernte auf ihrem Fleisch tanzten. Tonántzin, die Göttin von Tepeyac, von ihrem Thron gestürzt von der Mutter Gottes, der Jungfrau von Guadalupe, persönlich. Der Furcht erregende und wilde Kriegsgott, Kolibri der linken Hand, Huitzilopochtli. Selbst der Freund der Mexikaner, Chac Mool, war einsam. Mit großen Ohren und bereit, ihre Hoffnungen und Träume in seiner Schüssel von der Erde ins Land der Götter zu befördern, lag er auf dem Rücken und wartete für immer vergeblich auf die Rückkehr der gefiederten Priester. Einige der Alten verbargen sich hinter Statuen in den Kathedralen, die die Spanier aus den Steinen ihrer zerschlagenen Tempel errichtet hatten. Der Geruch nach Opferblut und Kopalharz drang zwischen den Steinen hervor und mischte sich mit dem Duft von Weihrauch und Kerzen. Der Tod lebt, wisperten sie. Der Tod lebt im Inneren des Lebens, so wie die Knochen im Körper tanzen. Das Gestern lebt im Heute. Das Gestern stirbt nie.
Mexico. Mexico.

(Luis Alberto Urrea: Kolibris Tochter. Pendo 2007, S.14-17)