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Chris Crowley und Henry S. Lodge: Mit jedem Jahr jünger ...

Wir können uns bewegen, weil unsere Muskeln in der Lage sind zu kontrahieren. Muskeln sind Hochleistungsgeräte, die Sauerstoff benötigen, um Fett oder Glukose (Blutzucker) zu verbrennen. Dieser Verbrennungsprozess geschieht innerhalb der Zellen in Millionen winziger Kraftwerke, den Mitochondrien, die den Muskeln die Energie zur Kontraktion liefern. Es handelt sich hier wirklich um eine Verbrennung – wie in einem Automotor, nur ohne Funken. Muskelkontraktionen und damit jede Art von Bewegung wären undenkbar ohne die Mitochondrien.
Diese entwickelten sich vor etwa zwei Milliarden Jahren in Bakterien, die die Mitochondrien allerdings nicht zur Energiegewinnung nutzten, sondern um mittels Verbrennung den Sauerstoff loszuwerden, der sich zu jener Zeit in der Atmosphäre gerade erst bildete. Sauerstoff war und ist nämlich eigentlich ein hochgiftiges Zeug, das auf molekularer Ebene geradezu explosiv reagiert. Aus diesem Grund brennt auch ein Feuer, solange Sauerstoff vorhanden ist, und erlischt, sobald man ihm den Sauerstoff entzieht. Durch die Verbrennung von Sauerstoff in den Zellen erlangen Lebewesen die Fähigkeit, sich zu bewegen; doch freier Sauerstoff ist gefährlich. Er brennt Löcher in unsere DNS, was zum Zelltod und damit in letzter Konsequenz zu Herzkrankheiten und Krebs führt. Da der Umgang mit Sauerstoff eine derart riskante Angelegenheit ist, hat unser Körper ein ausgeklügeltes Schutzsystem entwickelt, das den Sauerstoff rund um die Uhr „entgiftet“. Der verbleibende Rest an freiem Sauerstoff wird von den Antioxidantien unschädlich gemacht, die in dem Obst und Gemüse stecken, das wir verzehren (essen Sie also möglichst viel davon!). Derartige Schutzsysteme standen den Bakterien noch nicht zur Verfügung. Stattdessen nutzten sie den Sauerstoff, um in ihren Mitochondrien Zucker zu verbrennen, wobei harmloses Wasser und Kohlendioxid als Abfallstoffe anfielen.
Vor fünfhundert Millionen Jahren gelangten die Mitochondrien der Bakterien irgendwie in die Zellen unserer primitiven Vorfahren, die mit Hilfe der winzigen Kraftwerke in ihren Muskeln den aeroben Stoffwechsel in Gang setzten. In Form von Sauerstoff stand eine unerschöpfliche Energiequelle zur Verfügung, weshalb die Zahl höherer Lebensformen geradezu explosionsartig zunahm. Bakterielle Mitochondrien machten die Entstehung aller höher entwickelten Tiere einschließlich des Menschen erst möglich, und bis auf den heutigen Tag existieren sie in jeder einzelnen Muskelfaser aller Tiere und Menschen auf der Erde. Sie liefern auch Ihnen die notwendige Energie, um im Park spazieren zu gehen, einen Marathon zu laufen, sich an der Nase zu kratzen oder zu schwimmen. Die DNS in Ihren Mitochondrien ist bis heute ein Erbteil der Bakterien — sozusagen ihr Treuhandvermögen, das auf uns übergegangen ist. So wie die Tiere die Mitochondrien von den Bakterien, haben die Pflanzen übrigens die Fotosynthese von den Algen „geerbt“. Jede Form heutiger Lebensenergie entsteht also in Systemen, die von Algen oder von Bakterien abstammen.

(Chris Crowley und Henry S. Lodge: Mit jedem Jahr jünger ... Pendo 2007, S.127-129)